Gastbeitrag: Ton Wildenborg (Niederlande) zur Risikoabschätzung

4. November 2010

Betrachtet man die Frage nach Onshore- oder Offshore-Lagerung aus der Sicht der Risiken, muss klar sein, dass eine Speicherlösung immer so ausgelegt sein muss, dass es gar keine Lecks geben darf. Trotz alledem gibt es bislang keine Speicherlösung, die überhaupt kein Risiko beinhaltet.

In der Risikoanalyse unterscheidet man drei unterschiedliche Fälle: Die potentiellen Ursachen von ungewollten Ereignissen (oder Bedrohungen), die ungewollten Ereignisse (oder Gefährdungen), wie zum Beispiel Lecks, Absetzung von Flüssigkeiten oder Erdbewegungen, und die Konsequenzen oder Auswirkungen dieser Ereignisse. Potentielle Ursachen oder Bedrohungen von Lecks machen in der Frage um Onshore- oder Offshore-Speicherung keinen Unterschied. Der hauptsächliche Unterschied ist in den potentiellen Konsequenzen eines möglichen Lecks zu finden: Da es Offshore keine direkt betroffene Bevölkerung gibt, wäre ein Austreten des CO2 für die menschliche Bevölkerung vernachlässigbar. Natürlich könnte das Austreten einen Einfluss haben auf die Umwelt im Meer, vor allem für Lebewesen, die besonders tief oder auf dem Meeresboden leben. Andere potentielle Bedrohungen wie Erdstöße oder Absetzung von Flüssigkeiten würden nicht zu besonders heftigen Konsequenzen für die Meeresumwelt führen.

Das internationale London Protokoll (LP) und die OSPAR Konvention wurden erweitert und somit Offshore-Speicherung völkerrechtlich akzeptiert, solange die Umwelt und die LP/OSPAR Richtlinien für Sicherheit eingehalten werden. Die Richtlinien zur CO2-Speicherung der OSPAR Konvention wurden auch in die EU-Richtlinie zur CO2-Speicherung einbezogen, die nun als Vorlage für nationale Gesetze in den EU-Ländern dient.

Eine Offshore-Speicherung wird höhere Investitionen verlangen als die Speicherung der gleichen Menge Onshore. Denn Offshore-Speicherung führt dazu, dass das CO2 erst einmal an die passende Stelle transportiert werden muss. Außerdem müssen zur Speicherung Offshore Plattformen gebaut werden und Löcher gebohrt werden, durch die das CO2 in das Gestein verpresst wird. Wird allerdings bereits bestehende Infrastruktur genutzt, wie zum Beispiel alte Plattformen, Bohrlöcher und Pipelines, könnten sich die Kosten für eine mögliche Offshore-Speicherung verringern.

Ton Wildenborg ist Geologe aus den Niederlanden.

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Gastbeitrag: Dr. Johannes Peter Gerling – Mögliche Speicherorte aus geowissenschaftlicher Sicht

3. November 2010

Eingangs möchte ich klarstellen, dass die geologische CO2-Speicherung im marinen Bereich aus geowissenschaftlicher Sicht nicht anders zu bewerten ist als eine Speicherung im Kontinentalbereich. Konkret sind beispielsweise die geologischen Verhältnisse im deutschen Nordseesektor unmittelbar vergleichbar mit denen im angrenzenden Bereich des Norddeutschen Flachlandes – beide Regionen gehören regionalgeologisch zum Norddeutschen Becken.

Hinsichtlich der Akzeptanz kann es in der Tat eine Rolle spielen, dass oberhalb möglicher Speicherstandorte im marinen Bereich keine Menschen leben – daher die persönliche Betroffenheit weniger akut ist. Das darf jedoch kein Anlass sein, weniger Sorgfalt beim Einrichten, während des Betriebs und in der Nachbetriebsphase walten zu lassen. Das gilt sowohl für den Betreiber wie auch für die zuständige staatliche Aufsicht.

Grundsätzlich kommen nach Auffassung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe für den Standort Deutschland insbesondere erschöpfte oder nahezu erschöpfte Erdgasfelder sowie tiefliegende, salinare Aquifere (Gesteinsschichten mit hochsalinen Formationswässern im Porenraum) als potenzielle CO2-Speicher in Betracht.

Das Speicherpotenzial von Erdgasfeldern im Onshore-Bereich haben wir aus der bisherigen Produktion und den verbliebenen Reserven recht genau mit 2,75 Milliarden Tonnen CO2 errechnen können.

Das Speicherpotenzial der salinaren Aquifere haben wir im Jahr 2005 pauschal für die gesamte Republik mit 20 +/- 8 Mrd. t CO2 abgeschätzt. In einer Publikation aus dem Jahr 2010 haben wir nur Antiklinalstrukturen (Fangstrukturen) in den drei Regionen „Norddeutsches Becken“, „Oberrheingraben“ und „Alpenvorland-Molasse“ betrachtet. Aus diesem Ansatz – es wurden dabei aber nur etwa 75 Prozent dieser drei Sedimentbecken erfasst – resultierte eine Speicherkapazität dieser Strukturen von 6,3 bis 12,8 Milliarden Tonnen CO2. Hiervon fallen etwa ein Drittel (1,9 – 4,5 Milliarden Tonnen) in den deutschen Nordseesektor.

In der weiteren (britischen, dänischen und norwegischen) Nordsee und in der norwegischen See bietet sich darüber hinaus insbesondere mit den norwegischen und britischen Erdöl- und Erdgasfeldern sowie verschiedenen salinaren Aquiferen ein ungleich größeres Speicherpotenzial an.

Grundsätzlich gehe ich für jeden Speicher bzw. Standort davon aus, dass nur solche Vorhaben von der Industrie realisiert respektive von der zuständigen Behörde genehmigt werden, bei denen es überhaupt keinen Zweifel an der Langzeitsicherheit gibt. Im Offshore-Bereich erwarte ich – mit Blick auf die jahrzehntelange Erfahrungen aus der Erdgasförderung und dem Erdgastransport – keine zusätzlichen Risiken beim Transport. Auch gibt es für diesen Raum adäquate Monitoringverfahren, die beispielsweise bei der CO2-Speicherung im Bereich des norwegischen Erdgasfeldes Sleipner bereits seit etwa 15 Jahren eingesetzt werden.

Entsprechend aktueller betriebswirtschaftlicher Studien gehen wir für Onshore-Bereiche von Kosten in Höhe von etwa 4 Euro pro Tonne für den Transport und von etwa 3 Euro pro Tonne für die Speicherung aus. Für den Offshore-Bereich werden die Kosten durch den vermutlich erheblichen Mehraufwand für größere Transportentfernungen, Plattformen für die Injektionsstandorte sowie Monitoringmaßnahmen vermutlich signifikant höher sein.

Völkerrechtlich gesehen ist die Einspeicherung von CO2 in Wasserkörpern nicht gestattet. Die dauerhafte Speicherung von CO2 im marinen Untergrund ist hingegen durch die OSPAR- und London-Konventionen geregelt und gestattet.

Dr. Johannes Peter Gerling ist Leiter des Fachbereichs B 3.3 (Nutzung des Untergrundes, Geologische CO2-Speicherung) bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.


Gastbeitrag: Dr. Gabriela von Goerne – Ist geologische Offshore Speicherung akzeptabler als Onshore-Speicherung?

2. November 2010

Im Grunde macht es geologisch gesehen keinen Unterschied, ob eine für die CO2-Speicherung geeignete Struktur an Land oder unter dem Meer liegt. Wird ein Speicher sorgfältig untersucht und ausgewählt, betrieben und überwacht, wird ein Leckagerisiko (von CO2 oder salzhaltigen Wässern) als sehr gering eingeschätzt. Auch wenn demnach die Risiken gering sind, beschleicht uns möglicherweise dennoch ein leichtes Unbehagen bei der Vorstellung, Millionen Tonnen Kohlendioxids in mehr als 800 Metern Tiefe unter unseren Füßen zu lagern.

Ist es da nicht besser, das CO2 weit weg in geologische Formationen unter der Nordsee zu verpressen? Meine Antwort wäre: Nein. Wenn wir CCS als Klimaschutzoption testen wollen, ist es verantwortungsvoller, CO2 in geologischen Formationen an Land zu speichern. Gründe hierfür sind dabei nicht die höheren Kosten für Pipelinebau und Bohrungen im Offshore- Bereich, sondern kürzere Wege und direkter Zugang zu Injektions- und Überwachungsbohrungen. Das gewährleistet bessere Inspektionsmöglichkeiten für höhere Sicherheit.

Speichermöglichkeiten in leeren Erdgasfeldern und salzwasserführenden Gesteinsformationen  sind auf dem deutschen Festland vorhanden. Sie finden sich überwiegend in Nord-Deutschland und sind in ihrer Kapazität begrenzt. Man sollte deshalb sinnvoll mit ihnen umgehen, auch vor dem Hintergrund, dass in diesen Formationen nicht nur CO2 sondern auch Erdgas gespeichert oder Geothermie betrieben werden könnte.

Mag sein, dass die Speicherung von CO2 an Land bei der Frage öffentlicher Akzeptanz der schwierigere Weg ist. Er ist aber auch der konsequentere, wenn von CCS als Brückentechnologie die Rede sein soll.

Dr. Gabriela von Goerne, CCS-Expertin


Neue Online-Diskussionsrunde zur CO2-Speicherung

29. Oktober 2010

CO2-Speicherung in geologischen Formationen unter dem Meer – sagen Sie uns Ihre Meinung!

In der kontroversen Diskussion um CCS geht es vor allem um die Speicherung und den Transport des abgeschiedenen Kohlendioxids.

Die Akzeptanz möglicher CO2-Speicherstätten ist in den betroffenen Regionen stark gesunken. Bringt eine geologische Offshore-Speicherung in geologischen Formationen unter dem Meer die Lösung? Würde sie eher akzeptiert als eine Speicherung unter bewohntem Land (onshore)? Germanwatch fragt Experten, unter anderem Dr. Gabriela von Goerne (Diplom-Geologin, CCS-Expertin), Marius Gjerset (Zero Emission Resource Organisation) und Dr. Johannes Peter Gerling (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe), nach ihrer Meinung zu möglichem Speichervolumen, Sicherheit und Dauerhaftigkeit der Speicherung sowie nicht zuletzt auch den zu erwartenden Kosten.

Im vergangenen Jahr fand an dieser Stelle eine generelle Diskussion zur Nutzung von CCS statt. Wir laden Sie herzlich ein, in diesem Jahr vor allem die Frage nach den Chancen und Grenzen der CO2-Speicherung zu diskutieren. Vom 2. bis 4. November werden kontinuierlich Beiträge eingestellt, die Sie kommentieren können oder zu denen Sie Fragen stellen können.

Klicken Sie rein, wir freuen uns auf Sie!

Manfred Treber, Klimareferent/Germanwatch

PS: Wir bitten um Ihr Verständnis, dass Ihre Kommentare redaktionell freigeschaltet werden. Dies ist lediglich vom 2.-4. November möglich.


Vielen Dank für die Diskussion – Abschlusskommentar folgt!

17. Juli 2009

An alle, die in den vergangenen Tagen mitdiskutiert haben: Ein herzliches Dankeschön für die vielen informativen und durchdachten Kommentare, die hier eingegangen sind. Wir haben, wie angekündigt, den drei Autoren der Gastbeiträge die Gelegenheit gegeben, auf die vielen Kommentare mit Abschluss-Statements zu reagieren. Diese werden wir voraussichtlich Anfang der kommenden Woche an dieser Stelle veröffentlichen.


Rainer Baake (DUH): Antworten auf offene Fragen finden – Bietet CCS eine Lösung?

14. Juli 2009

Um auch externe Experten zu Wort kommen zu lassen, haben wir Rainer Baake, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe e.V., darum gebeten, einen Gastkommentar zum Thema zu schreiben. Gerne stellen wir ihn an dieser Stelle ein, um einen ersten Impuls für die Diskussion zu liefern:

„Man muss die Augen schon bewusst schließen, um nicht zu sehen, vor welcher Herausforderung wir stehen: Wenn wir den kommenden Generationen auf unserem Planeten keine unbezahlbaren Lasten durch unterlassenen Klimaschutz aufbürden wollen, dann müssen die heutigen Industriestaaten ihre Treibhausgasemissionen bis 2050, also in nur vier Jahrzehnten, praktisch auf Null zurückfahren.
Wer vor diesem Hintergrund eine technische Option zur Vermeidung von CO2-Freisetzungen in die Atmosphäre ausschließen will, braucht dafür sehr gute Gründe.

Solche sehe ich z.B. bei der Nutzung der Atomkraft; sie schafft mehr Probleme als sie löst. Ob CCS einen Beitrag zum Klimaschutz liefern kann, ist derzeit offen, weil die Technologie noch nicht in großtechnischen Maßstab erprobt wurde und die ökologischen Risiken der Lagerung weitgehend unerforscht sind. Ohne Erforschung, Erkundung und Erprobung werden wir allerdings auch keine Antworten auf die offenen Fragen finden.

Wenn CCS sich als sicher und verantwortbar erweisen sollte, müssen wir entscheiden, für welche Emissionen wir die knappen Lagerstätten im Untergrund einsetzen wollen; sie stehen uns ja nur einmal zur Verfügung. Die Stromerzeugung können wir schrittweise auf Erneuerbare Energien umstellen; Vorrang sollten nicht vermeidbare Emissionen aus Industrieprozessen haben. Eine Option sind auch Emissionen aus der Nutzung von Biomasse – dann hätten wir eine echte Senke.“

Was denken Sie? Haben Sie Fragen? Diskutieren Sie mit!


Sie suchen Informationen zu CCS?

14. Juli 2009

Dann schauen Sie sich doch mal in unserer Linkliste (siehe obere Leiste) um… Hier finden Sie Links zu Publikationen von Germanwatch, die sich mit der Thematik beschäftigen. Außerdem finden Sie auf unserer Homepage eine umfangreiche Linksammlung mit Hinweisen auf andere Organisationen, die Hintergrundinformationen zu CCS bieten.

Viel Spaß bei der Lektüre!